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Cyberpunk: Welcome in the World of today

Rückblickend hat sich kein anderes Subgenre der Science-Fiction als so prophetisch erwiesen wie der Cyberpunk. Während wir alle immer noch darauf warten, dass Überlichtantriebe entwickelt werden oder die Menschheit mit eigenen Füssen den Mars betritt, sind viele, wenn nicht alle Aspekte des Cyberpunk heute (manchmal erschreckende) Realität. Nicht nur wegen des allumspannenden Internets, Hacking Angriffen und mächtigen globalen Konzernen, die Weltpolitik beeinflussen können. Kybernetische Implantate sind Realität, Elon Musks Unternehmen Neurolink hat im Januar 2024 den ersten cybernetischen Chip ins Gehirn eines Menschen implantiert. Zu medizinischen Zwecken, doch die Möglichkeiten sind so endlos wie die Visionen des Cyberpunk. Doch was ist Cyberpunk eigentlich?


Die Ursprünge des Cyberpunk


Das Oxford Dictionary of Science Fiction bezeichnet Cyberpunk als “ein Subgenre der Science-Fiction, das sich auf die Effekte fortgeschrittener Computer-Technologie, künstlicher Intelligenz und bionischer Implantate in einer zunehmend globalisierten Welt auf die Gesellschaft und Individuen fokussiert, mit einem Schwerpunkt auf unzufriedene Charaktere, die in den Straßen zuhause sind. Bruce Bethke kreierte den Begriff 1982 für den Titel einer Kurzgeschichte und mixte hier die Begriffe “Cybernetics” und “Punk”. Das Aufeinandertreffen von Technologie, die menschliche Komponente ersetzt und der nihilistischen und rebellischen Punk-Bewegung der 1980er Jahre. Gleichzeitig distanzierten sich die Science-Fiction-Autoren William Gibson, Rudy Rucker, Pat Cadigan und James Patrick Kelly von der vorherrschenden utopischen Lesart der Science-Fiction, die nicht mehr zur zeitgenössischen Entwicklung passte. Denn Technologie trat näher an die Menschen und entwickelte sich in einem beängstigenden Tempo. Bruce Sterling stellte dazu fest: “Die Fortschritte der Wissenschaften sind so radikal, so beunruhigend, erschütternd und revolutionär, dass sie nicht mehr aufzuhalten sind. Sie dringen in die gesamte Kultur ein; sie sind invasiv; sie sind überall.” Mit dem Cyberpunk wollten sie ein Genre schaffen, dass dem Anspruch gerecht wurde, die Ängste in der Gesellschaft ernst zu nehmen.

Ihre Wurzel hat der Cyberpunk in der New Wave der Science-Fiction. Bereits 1968 veröffentlichte Science-Fiction.Autor Philip K. Dick die Kurzgeschichte "Do Androids Dream of Electric Sheep?", die 1982 als "Blade Runner" verfilmt wurde. Zeitgleich entstand in Japan Katsuhiro Otomos Manga "Akira". Man könnte also sagen, dass die 1980er einen Nährboden für den Cyberpunk boten, der zeitgleich an mehreren Orten entstand. Auch wenn der Begriff erst im Nachhinein geprägt wurde.


Was macht Cyberpunk aus?


Ein wichtiger Aspekt des Cyberpunks zu Beginn war, dass die meisten Autoren ihn als “Hard Science Fiction” ansehen. Die Geschichten sollten durch technologische Konflikte und Entwicklungen angetrieben werden, nicht nur durch Charakter-Drama (wie beim Gegenstück, der Soft Science Fiction). William Gibsons "Neuromancer" von 1984 mit dem Anti-Helden Henry Dorsett Case in der Hauptrolle kann hier als hervorragendes Beispiel dienen: Obwohl wir den Charakter kennenlernen, stehen im Fokus die Technologien, deren Spielball er wird und die Konzerne sowie die dystopische Atmosphäre. Konzerne und deren politische Macht sowie ein dystopisches Gefühl sind elementar und grenzen den Cyberpunk gleichzeitig vom Subgenre Neo-Noir ab. Neo-Noir zeichnet sich ebenso wie der Cyberpunk durch eine ähnliche dunkle Ästhetik und eher düstere Protagonisten aus, jedoch sind die gegenspieler hier meist nicht Konzerne, sondern kriminelle Vereinigungen und die Charaktere haben häufig bereits aufgegeben. Im Cyberpunk jedoch gibt es häufig eine Rebellion gegen das Establishment, die Konzerne, die alles beherrschende Technologie. Die Zukunft sieht düster aus, aber es gibt noch Hoffnung. Die gleiche Technologie, die von der unterdrückenden Macht verwendet wird, nutzt auch der Widerstand in Form von Hackern, Splicern und ähnlichen Spezialisten, um für die Freiheit zu kämpfen. Dazu kommt eine gehörige Prise Transhumanismus auf beiden Seiten: Den menschlichen Körper Schritt für Schritt durch die Technologie zu ersetzen, die wir noch als Wearables am Körper tragen.


Die Einflüsse von Cyberpunk auf unsere Gegenwart


Wie kaum ein anderes Subgenre zuvor ist Cyberpunk in der Gegenwart angekommen. Die technische Realität hat ein Genre der Science-Fiction eingeholt und plötzlich stehen wir staunend da, ein Auge in den Roman, ein Auge auf das Internet gerichtet. Die drei technologischen Kriterien des Cyberpunks sind gegeben:

  1. Fortgeschrittene Computer-Technologie

  2. Künstliche Intelligenz

  3. Bionischer Implantate

Zugegeben, nicht immer in der Form, in denen das Cyberpunk-Genre brilliert. Und es wird hoffentlich noch einige Zeit dauern, bis von Menschen nicht mehr zu unterscheidende Androiden durch die Straßen laufen. Wissenschaftler ließen sich durch die Technologie im Cyberpunk inspirieren, wie es schon bei anderen Entwicklungen geschah. Doch wir nähern uns einem weiteren wichtigen Element des Cyberpunk an: “High Tech, low Life”, das Aufeinandertreffen immer höher entwickelter Technologie bei sinkendem Lebensstandard für die Massen; die Schere zwischen Arm und Reich wird größer, kein Wunder, dass Cyberpunk eine Renaissance erlebt. Einige Autoren fordern eine Neuinterpretation des Cyberpunks, während er zusehends von der Gegenwart eingeholt wird. Wie diese aussehen könnte, ist jedoch unklar.


Visualität und Atmosphäre von Cyberpunk


Wie viele Subgenres der Science-Fiction besitzt der Cyberpunk eine ganz eigene Ästhetik, die der Megametropolen und des Untergrundes. Leuchtende Neon-Reklamen treffen auf nachtschwarze Gassen, die dem Regen ausgeliefert sind. Protagonisten laufen in dunklen Trenchcoats, von den Elementen durchnässt durch diese Straßen, erinnern an die Pulp-Detectives des 20er Jahre Noir-Romans und überschreiten auf ihren Reisen die Grenzen zwischen glänzenden Oberschicht-Welten und im Schatten liegenden Untergrund-Bastionen. Auch hier erheben sich die ersten Beispiele solcher Städte auf dem Globus: Shanghai, Las Vegas, Tokio - gerade die asiatischen Metropolen mit ihrem Tempo und ihren Neon-Reklamen spiegelten schon früh diese Ästhetik wieder, ein Grund, weshalb auch viele Cyberpunk-Werke mit asiatisch geprägten Bildern spielen, sowohl in Schrift wie auch in Kleidung. Nicht nur in aktuellen Videospielen wie "Cyberpunk 2077", sondern auch im Kult-Film "Blade Runner" aus dem Jahr 1982, in dem die asiatische geprägten Designs für die westlichen Massen neu und aufregend waren.


Unsere Cyberpunk Leseempfehlungen


Obwohl der Cyberpunk ein vergleichsweise junges Subgenre ist, hat es unheimlich viele verschiedene Spielarten entwickelt. Nicht immer ist es heute “Hard Science Fiction”, obwohl die Technologie noch immer ein Schlüsselpunkt ist, doch heute nicht nur im Plot, sondern manchmal eben auch in der Charakter-Entwicklung. Ein Beispiel dafür ist die Ingenio-Dilogie von Fanny Remus, die ganz klar die Cyberpunk-Ästhetik in der Metropole Bakkai und im Hauptsitz des Untergrundes nutzt. Dazu kommen kybernetische Experimente, die den Transhumanismus des Cyberpunk transportieren. Gleichzeitig steht im Fokus aber die Entwicklung des Hauptcharakters im Angesicht der technologischen Übermacht. Auch E. F. Hainwald legt mit "Emotiondancer" und "Cyberempathy" Romane vor, in denen Technologie noch mehr auf Persönlichkeitsentwicklung trifft, als in der Vergangenheit des Cyberpunk-Genres. Zumindest in Deutschland scheint sich also ein Trend abzuzeichnen, in dem Cyberpunk nach mehr Menschlichkeit trotz aller Technologie strebt und auch etwas mehr Hoffnung bleibt, während die Ästhetik zeitgleich mit mehr Neon-Farben und etwas weniger Schwärze daher kommt. Ja, Ingenio nimmt an einigen Stellen sogar natürliche Elemente auf, die ebenfalls zur Nachhaltigkeit des Solarpunk passen würden (Mein SolarPunk-Roman "Draußen" enthält widerum Cyberpunk-Elemente).

Wer sich die Ursprünge des Cyberpunks und einige klassische Genre-Werke ansehen möchte, der sollte für die Anfänge zu einem Kurzgeschichtenband von Philipp K. Dick greifen und natürlich "Neuromancer" von William Gibson und "The Girl Who Was Plugged In" von Alice Sheldon, veröffentlicht unter dem männlichen Pseudonym James Tiptree, Jr. im Jahr 1974. Ähnlich wie andere Science-Fiction Genres wurde auch der Cyberpunk von Frauen mitgeprägt, allerdings häufig unter männlichen Pseudonymen.


Wenn ihr jetzt Lust auf Cyberpunk bekommen habt, bietet "Ingenio" einen perfekten Einstieg wegen Fanny Remus’ lockerem Schreibstil und einem reduzierteren Fokus auf Technologie, als es in den frühen Cyberpunk-Romanen der Fall war.


Mary Stormhouse (M.A. Cultural Studies)


Quellen

Jeff Prucher [Hrsg.]: Brave New Words. The Oxford Dictionary of Science Fiction



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