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Von Bordertown bis Wien: Das Urban Fantasy Genre

Lange Zeit regierte im Fantasy Genre klassische High Fantasy á la Herr der Ringe. Mit Schwertern und Magie wurde Bösewichten zu Leibe gerückt, die meist klar erkennbar an grausamen Lachen und dunkler Kleidung waren. Doch das änderte sich gegen Ende des 20. Jahrhunderts. Plötzlich fuhren Fantasy-Helden Motorrad, Hexen setzen ihre Kräfte im Job und bei der Hausarbeit ein und ein Telefonat wurde einfacher, als ein umständlicher Kommunikationszauber. Die Urban Fantasy trat auf die Bühne und stellt heute die manchmal etwas staubig wirkende High Fantasy mit modernen Ideen, queeren Charakteren (ja, gibt es in der High Fantasy mittlerweile auch, kam aber später) und heißen Bösewichten in den Schatten.


Geschichte der Urban Fantasy


Im Gegensatz zu vielen anderen phantastischen Genres ist die Geschichte der Urban Fantasy noch relativ jung. Jedenfalls so, dass man sie als solche bezeichnen kann. Natürlich gab es immer Fantasy-Geschichten, die in Städten spielten und in unserer Gegenwart. Doch als wirklich wegweisend gilt Ray Bradburys Dark Fantasy Erzählung “Something Wicked This Way Comes”, über zwei Jungen und einen mysteriösen Karneval, der in ihrer Heimatstadt in Illinois auftaucht. Auch wenn die 1962 erschienene Geschichte eher Dark Fantasy oder Horror entsprach, beeinflusste sie Autoren wie Neil Gaiman und Stephen King, die Grundsteine für die Urban Fantasy legten. Mit “Carrie” von Stephen King erschien 1973 eine zeitgenössische Horror-Story, gefolgt von “Brennen muss Salem”, in dem 1976 Vampire die Hauptrolle spielten. Im gleichen Jahr erblickte “Interview mit dem Vampir” von Anne Rice die Tinte der Druckerpressen. Eine wilde Mischung aus Fantasy, Horror, Erotik und Vampiren. die nicht nur Urban Fantasy, sondern vor allem die Paranormal Romance beeinflusste. Wegen dieses Buches scheint es alle Vampire immer nach New Orleans zu ziehen.

Die Geburtsstunde der Urban Fantasy, wie wir sie kennen, waren Terri Windlings “Borderlands” 1986, in denen Menschen und Elfen gemeinsam in einer dystopischen Welt leben. Zwischen Ende der 80er und Beginn der 90er entwickelte sich Urban Fantasy dann zu dem Genre, das wir heute kennen. Insbesondere Glen Cook mit seiner Garrett P.I.-Serie, der sich an den Noir-Romanen orientierte, bestimmte die Richtung.


Die 90er und 2000er: Ein Genre wird erwachsen


Nicht nur Bücher, auch Serien bestimmten den Werdegang der Urban Fantasy. Und die 90er waren voll von Urban Fantasy Serien: Buffy, Angel, Charmed, um nur einige zu nennen. In den Comics beeinflussten Neil Gaimans “Books of Magic” und “The Sandman” die weitere Entwicklung. Im Bereich der Rollen-und Brettspiele trat Shadowrun auf die Bühne, das Urban Fantasy mit Cyberpunk-Elementen mischte und dem jungen Genre seinen Stempel aufdrückte, gerade weil seine Nähe zu “Borderlands” nicht von der Hand zu weisen ist. Die Mischung aus fantastischen Wesen, Großstädten, einem Hauch Romantik und Hardboiled Spannung á la Raymond Chandler, die noch heute oft die Urban Fantasy in ihrem Wesen bestimmt, etablierten Jim Butcher mit “The Dresden Files” und Kim Harrison mit ihrer “Hollows” Reihe. Letztere war 2004 eine der ersten Frauen, die Urban Fantasy in die Hände von Heldinnen legte.


Städtisch vs Modern


Wie immer gibt es bei Genre-Erklärungen viele unterschiedliche Meinungen. Im Terminus "Urban" steckt insbesondere der städtische Bezug. Große amerikanische oder seltener europäische Städte spielen in vielen Urban Fantasy Romanen eine nicht wegzudenkende Nebenrolle. Das Stadtbild mit all seinen fantastischen Veränderungen ist integraler Bestandteil der Geschichte. Nachtclubs mit Vampiren, neutrale Zonen, Treffpunkte für Untote, all das meist unerkannt unter den Augen der Menschen. Oder wie in “The Hollows” in einer neugeordneten Gesellschaft, nachdem die magischen Kreaturen sich zu erkennen gaben. Dennoch setzen viele Menschen Urban Fantasy mit zeitgenössischer Fantasy gleich. Das mag zum einen daran liegen, dass “zeitgenössisch” oder auch “contemporary” missverstanden werden kann als “Fantasy von zeitgenössischen Autoren”. Zum anderen macht die Aufteilung das Genre komplexer. Bei Harry Potter zum Beispiel handelt es sich um keine Urban Fantasy, da der Fokus nicht auf das Leben in einer realen Stadt, sondern an einem fantastischen Ort, Hogwarts liegt. Dagegen haben die “Tierwesen” ebenso den Flair von Urban Fantasy wie “Crescent City” von Sarah J. Maas, auch wenn letzteres in einer Stadt in einer anderen Realität spielt. Dennoch hat diese Stadt mehr mit unserer Gegenwart zu tun, als die Zauberschule von Harry Potter.


To Romance or Not To Romance


Ein Genre, mit dem die Urban Fantasy gerne verwechselt wird, ist die Paranormal Romance. Und das ist auch kein Wunder: Beide Genres teilen sich das meist urbane Setting, in dem sich neben Menschen auch Vampire und Werwölfe herumtreiben. Es gibt jedoch zwei große Unterschiede: Bei der Paranormal Romance steht zum einen die Romantik im Vordergrund, während Urban Fantasy auch ganz ohne Romantik auskommen kann. Zum anderen gibt es in der Urban Fantasy meist ein komplexeres Worldbuilding. Die “Twilight”-Saga fällt demnach relativ einfach unter Paranormal Romance, während “The Mortal Instruments” trotz einiger Romantik zu Urban Fantasy zählen. Natürlich sind auch hier die Grenzen häufig fließend und es gibt Überschneidungen. Aber als Hilfestellung kann man sich bei der Genrezuordnung die Frage stellen: Fokus Romantik oder Fokus World Building? Und natürlich kann noch der Ort hinzugezogen werden. Denn Paranormal Romance spielt häufig in verschlafenen, amerikanischen Kleinstädten.


Subgenres der Urban Fantasy


Die Subgenres der Urban Fantasy bilden sich hauptsächlich durch die Verlagerung des Settings. Statt einer Metropole unserer Gegenwart spielt die Geschichte beispielsweise in der Vergangenheit oder Zukunft. In einer High oder Low Fantasy Welt, im All oder in einer Steampunk Welt. Urban Fantasy kann in der Theorie überall stattfinden. Und auch der Fokus kann sich verändern: Horror, Superhelden oder Thriller Elemente sind ebenso vorstellbar. das macht die Urban Fantasy trotz ihres theoretisch limitierten Rahmens so vielseitig und spannend. Auch in der Altersstruktur, denn die Subgenres unterscheiden sich stark, je nachdem, ob die Zielgruppe Kinder, Teens, Young Adults, New Adults oder einfach Erwachsene sind.


Kann Urban Fantasy in europäischen Settings stattfinden?


Es mag daran liegen, dass viele der bekannten Urban Fantasy Autorinnen und Autoren aus den USA kommen, doch gefühlt spielen die Romane, die nicht in fantastischen Großstädten spielen, in amerikanischen Städten. Dresden Files? Chicago. The Hollows? Cincinnati. The Mortal Instruments? New York. Und diese Liste ist noch lange nicht zu Ende. Doch nicht nur, wer in den USA lebt, schreibt über Fantastisches in amerikanischen Städten. Auch wer auf europäischen Boden zuhause ist, greift meist zu den Städten, deren Namen jeder kennt. Ist der Hintergedanke der, dass sich ein Buch vielleicht besser verkauft, wenn es in New York spielt statt in Leipzig? Dass Los Angeles funkelnder klingt, als Rotterdam? Außerdem gab es dort schon viele Geschichten, die erfolgreich waren. Und wahrscheinlich gibt es hunderte Vampirunterarten, die New York bevölkern, so viele Romane wie dort spielen. Daher könnte der Hauptgrund ein anderer sein: Die meisten von uns fühlen sich in ihren Gedanken wohler in NY oder LA, als in Frankfurt oder Berlin. Durch Serien und Filme fühlen wir uns an diesen Orten zuhause, selbst wenn wir sie nie besucht haben. New York kennen wir alle. Irgendwie. Wir haben ein Bild vor Augen. Düsseldorf müssen wir den meisten Menschen erst vorstellen. Dennoch sollten wir jeden Roman feiern, der nicht in den etablierten Urban Fantasy Städten spielt. So wie “Im Glanz der Nachtschwärmer”. Juliet May hat es gewagt, eine Stadt in ihrem Urban Fantasy Roman zu porträtieren, die noch nicht oft in diesem Genre beleuchtet wurde: Ihre Heimatstadt Wien. Und wie anderen Autorinnen und Autoren, die unbekannte Städte in den Fokus der Urban Fantasy rücken, schafft sie damit etwas Ungelesenes. Vor allem, da dieses Mal statt Vampiren und Werwölfen Traumwesen die Grenzen zur Realität überschreiten.


Neue Genretrends in der Urban Fantasy


Mit mehr Kleinverlagen und Selfpublishern, die Urban Fantasy für sich entdecken, gibt es immer wieder spannende Facetten abseits etablierter Tropes zu entdecken. Ja, aktuell zeigt der Großteil der Urban Fantasy Variationen von “The Mortal Instruments” und “Crescent City”, doch es gibt immer wieder mutige Ausreißer, die uns neue Möglichkeiten der Urban Fantasy präsentieren. Und auch alte, die zurückkehren. Kim Harrison hat ihre Reihe “Hollows” wieder aufgenommen und auch die “Dresden Files” werden fortgeführt, auch wenn sie im Licht der jüngeren Konkurrenz in den hinteren Regalreihen zu verschwinden scheinen.


Mary Stormhouse (M.A. Cultural Studies)


Quellen

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