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Zwischen Schwert und Zauberstab: Das Genre Sword & Sorcery

Sword & Sorcery ist ein Subgenre der Phantastik, dem in Deutschland nicht viel Aufmerksamkeit geschenkt wird. Das mag daran liegen, dass die Unterteilung in die einzelnen Subgenres in Deutschland nie so stark in einem wissenschaftlichen Rahmen erfolgte, oder auch, dass es nie viele deutsche Romane gab, die man gut diesem Subgenre zuschreiben könnte. Manche ordnen Sword & Sorcery der Low Fantasy zu, da beide Genres “dreckiger” sind als die High Fantasy. Persönlich würde ich es eher im Bereich der High Fantasy zuordnen, denn während Low Fantasy erdnah spielt und die Magie nicht allgegenwärtig ist, steckt bereits im Begriff “Sword & Sorcery” die Magie. Allerdings gibt es einen starken Unterschied zur High Fantasy: Im Gegensatz zu einem klar definierten Gut und Böse treffen hier moralisch graue Charaktere aufeinander und nehmen Hauptrollen ein.


Exkurs: Was ist moralisch grau?


Bevor wir weiter über Sword & Sorcery reden, ist hier ein Einschub zu moralisch grauen Charakteren notwendig. Denn im Rahmen von Dark Romance und Dark Fantasy Romance hat sich eine Verwässerung des Begriffs “moralisch grau” ergeben. Eine moralisch graue Figur ist nicht jemand, der sich 95 % der Zeit toxisch verhält, aber manchmal nett gegenüber seiner Geliebten ist. Moralisch grau ist der Dieb, der in Kindertagen in der Gosse landete und zum Überleben stehlen musste. Der Barbar, dessen Stamm vernichtet wurde und jenen, die Schuld daran sind, Rache geschworen hat. Die Prinzessin, die sich einem Verehrer entzieht, und dabei bis zum Äußersten geht. Robin Hood. Kurz: Moralisch grau ist ein Charakter, der eigentlich Gutes tun möchte, aber dazu häufig die falschen Mittel wählt. Jeder moralisch graue Charakter würde “Der Zweck heiligt die Mittel” sofort unterschreiben. In einem klassischen Pen & Paper Rollenspiel würde man sogar weitergehen und einen moralisch grauen Charakter meist mit chaotisch gut oder neutral betiteln.


Die Geschichte des Subgenres Sword & Sorcery


Lange vor der Begriffsdefinition gab es schon Erzählungen, die Sword & Sorcery entsprachen. Zum Beispiel die Odysee oder auch die Heldentaten des Hercules. Aber auch die Abenteuergeschichten von H. Rider Haggard und Edgar Rice Burroughs könnten dazugerechnet werden, denn hier gibt es einige entscheidende Tropes mit fantastischen Begebenheiten und Antihelden, die zu Schwert oder Zauberei greifen.

Im Jahr 1961 fragte der Fantasy Autor Michael Moorcock im Fantasy Magazin Amra nach einer Bezeichnung für das Genre, in dem die Geschichten von Autoren wie Robert E. Howard (z.B. Conan der Barbar) spielten. Er selbst schlug Epic Fantasy vor, aber der Name, der sich einbürgerte, entstand durch die Antwort, die Fritz Leiber in der Juli-Ausgabe des Magazins lieferte:


“Ich bin mir mehr denn je sicher, dass dieses Genre Sword & Sorcery genannt werden sollte. Dies beschreibt die Punkte der kulturellen Ebene und des übernatürlichen Elements genau und unterscheidet sie auch sofort von dem historischen Abenteuer der Mantel-und-Degen-Geschichten sowie auch von den internationalen Spionage-Geschichten im Cloak & Dagger Genre.”


Auch Heroic Fantasy entstand im gleichen Atemzug, wurde aber dann häufiger genutzt, um High Fantasy weiter zu differenzieren.


Was ist die deutsche Entsprechung von Sword & Sorcery?

Im Deutschen gibt es vielleicht noch am ehesten den Ausdruck “Mantel und Degen Fantasy” als Anlehnung an die historischen “Mantel und Degen” Abenteuer. Tatsächlich haben sich viele dieser Genre-Definitionen (auch Cloak& Dagger oder Sword & Sandal) bei uns nicht durchgesetzt. Auch mangels Interesse bei Akademikern oder im Buchhandel. Letztlich wird es natürlich komplizierter, Bücher zu vermarkten. Tatsächlich werden die meisten Sword & Sorcery Bücher hierzulande der Einfachheit halber der High Fantasy zugeschrieben. Oder vielleicht noch der Low Fantasy. Wobei kaum irgendwo ein höheres Aufkommen fantastischer Monster zu finden ist als bei Sword & Sorcery.


Die wichtigsten Tropes in Sword & Sorcery


Der wichtigste Trope-Geber für Sword & Sorcery war Robert E. Howard mit seinen Abenteuern von Conan der Barbar. Dazu gehört einmal ein klassischer Antiheld (moralisch grau), der gerne mit dem Schwert oder Zauberstab durch die Wand will. Dann Monster (Drachen!), eine geradlinig verlaufende Handlung und eine Quest. Also eine Aufgabe, der der Held am Beginn der Geschichte begegnet und die am Ende erledigt ist. Manchmal gehen Genre-Definitionen auch einfach daher und sagen, es ist Sword & Sorcery, sobald ein Schwertkämpfer mit oder gegen einen Magiekundigen kämpft. Und tatsächlich passt diese einfache Definition zur Geradlinigkeit des Genres. Denn während die Hintergrundgeschichten der Antihelden komplex sein können, verläuft die Handlung relativ einfach und ist vor allem flüssig zu lesen. Ganz wichtig ist, dass Sword & Sorcery nie auf der gegenwärtigen Erde spielt, sondern in einer fantastischen Welt. Die darf auch in unserer Zukunft liegen und über Science-Fiction Elemente verfügen (man denke an die raumschifffahrenden Mindflayer in Dungeons & Dragons).


Wie gritty ist Sword & Sorcery?


Sword & Sorcery nähert sich in vielen Bereichen der Dark Fantasy an, wobei ich unterstreichen möchte, dass Dark Fantasy für mich nicht unbedingt ein Genre ist, sondern auch ein Hinweis, mit welcher Altersempfehlung man Subgenres der Phantastik versehen sollte. Und bei Sword & Sorcery gibt es einige Tropes, die definitiv in den ganz dunklen Bereich der Phantastik gehören: Opferungen, dunkle Rituale, Eldritch Horror und abscheuliche Kreaturen. Dazu kommen die Abgründe, die in den Helden selbst liegen und auch sehr düster sein dürfen. Doch genauso gibt es auch etwas leichtere Sword & Sorcery Abenteuer über charmante Schurkinnen.


Sword & Sorcery in Brettspielen und Games


Vielleicht spielt eine Rolle für die relativ seltene Nennung von Sword & Sorcery als Genre, dass es weniger häufig in bekannten Büchern, als in Pen & Paper, Brettspielen und Games auftaucht. Sucht man hierzulande nach Sword & Sorcery wird Google einem die ersten 100 Suchergebnisse mit dem gleichnamigen Brettspiel ausspucken. Und neben Brettspielen gehört fast jede Fantasy-Rollenspielrunde ins Genre Sword & Sorcery. Kaum eine Runde, in der die Helden und Spielenden nicht den Tropes dieses Genres gefolgt wären, um eher chaotisch gut Drachen zu besiegen und dabei die eigenen Taschen zu füllen. Dungeons & Dragons und Das Schwarze Auge sind beides gute Beispiele für Welten der Sword & Sorcery. Insbesondere die Vergessenen Reiche in Dungeons und Dragons. Von hier ist es nicht weit zum Videospiel Baldur’s Gate 3, in dem eine Gang aus moralisch grauen Charakteren sich aufmacht, mehr aus Versehen denn aus Absicht ein ganzes Reich vor Monstern zu beschützen.

Und ja, man könnte sagen, dass die genannten Welten High Fantasy sind … aber die Abenteuer, die wir alle dort erleben, entsprechen dem Genre Sword & Sorcery.


Romance in Sword & Sorcery


Und da wir gerade bei Baldur’s Gate 3 waren, ein Spiel, das seine Popularität AUCH der Möglichkeit des Romancing vieler Charaktere verdankt, sollten wir über Romance in Sword & Sorcery reden. Denn das ist einer der ganz elementaren Tropes. Hier herrscht die Romantik nicht vor wie in der Romantasy. Aber es ist Heldin oder Helden auf jeden Fall vergönnt, ein kleines Liebesabenteuer zu erleben. Gerne auch nur körperlich und es muss nicht die Liebe des Lebens sein. Vermutlich ist es das Fantasy-Subgenre mit dem höchsten Spice Anteil abseits der Romantasy. Zumindest, wenn man sich die klassischen Geschichten wie Conan der Barbar ansieht. Aber auch bei jüngeren Veröffentlichungen. Davon abgesehen werden Heldinnen und Helden auch meistens in figurbetonten Rüstungen und Gewändern präsentiert, die nur noch wenig der Fantasie überlassen.


Unsere Leseempfehlungen Sword & Sorcery


Für dieses Subgenre ist es gar nicht so einfach, Empfehlungen herauszusuchen. Tatsächlich wäre meine Empfehlung, eine Runde Dungeons & Dragons zu spielen. Aber wer wirklich eintauchen will, dem empfehle ich - abseits von Conan der Barbar oder John Carter of Mars - die Serie Jirel of Joiry von C.L. Moore, einer meiner persönlichen Heldinnen, die Fantasy und Science-Fiction schrieb, als diese Welt zu fast 100 % von Männern beherrscht wurde. Da die Serie in den 1930ern entstand ist es für die meisten Lesenden heute keine leichte Lektüre, aber interessant aus einer frühen feministischen Perspektive. Neuere Geschichten in diesem Bereich sind zum Beispiel die Serie Throne of Glass von Sarah J. Maas oder die Riyria-Reihe von Michael J. Sullivan. Auch die Buchreihe Gotrek und Felix aus dem Warhammer-Universum von King Williams gehört dazu. Im Wunderzeilen Verlag können wir Myzinthias Rache von Steffi Frei in diesem Bereich empfehlen. Eine klassische Sword & Sorcery Geschichte mit einer wunderbaren Antiheldin und voller düsterer Magie. 


Quellen




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